Banda Comunale – die Demokratieverteidiger aus Dresden



Dieser Artikel ist am 03.12.2025 in der KATAPULT SACHSEN erschienen.

Die Brassband Banda Comunale setzt sich ein für Toleranz. Bei Konzerten. In Schulen. Wenn notwendig, eckt sie auch einmal an. In Sachsen ist das nicht selten der Fall.

Von Matthias Meisner und Paul Starzmann

Es ist ein Fiasko, wenn diejenigen, die die Demokratie verteidigen, Politik und Staat nicht sicher an ihrer Seite wissen. Einer, der darüber ausführlich sprechen kann, ist der Musiker und Architekt Michal Tomaszewski. Im Jahr 1989, als die Volksrepublik Polen noch ein sozialistischer Staat war, flüchtete er mit seiner Familie aus Warschau nach Niedersachsen. Nach dem Abitur ging er zum Zivildienst nach Dresden. Das hat sein Leben ziemlich rasch verändert und sehr politisch gemacht.
2001 gründete Tomaszewski die Brassband Banda Comunale, die in Sachsen zu einer Institution geworden ist, wenn es um den Widerstand gegen rechte Umtriebe geht. Es ging los mit Konzerten bei Gegenprotesten zu den Neonaziaufmärschen am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens 1945. 

Zwei, drei Auftritte im Jahr waren es zunächst, im Umland von Dresden. Doch bald war klar, dass es im Freistaat mit seinem den Rechtsextremismus verharmlosenden ersten „Landesvater“ Kurt Biedenkopf mehr zu tun gab. 2004 holte die NPD hier ihre ersten Landtagsmandate in Deutschland überhaupt, 2014 die AfD. Wo es ging, waren die Musiker präsent. Zum Beispiel mit einem Auftritt 2010 in Riesa: Die ehemalige Stahlwerkerstadt hatte entschieden, die Mannheimer Straße, wo die NPD-Bundespartei ihre Zentrale hatte, in Sophie-Scholl-Straße umzubenennen.

PositivBesetzen

Mit Pegida wurde es „extrem politisch“

„Extrem politisch“ wurde es, wie der Musiker erzählt, dann 2014 mit dem Aufkommen von Pegida, den 2024 aufgelösten „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Schon im ersten halben Jahr begleitete die Brassband an die 30 Demonstrationen. Sie verstärkte sich mit Mitgliedern aus Syrien, Iran, Irak, Palästina und Burkina Faso – und benannte sich um in Banda Internationale.

Die Musiker initiierten beispielsweise die Aktion „Neujahrsputz“ als kreative Aktion gegen Pegida. „Werft euch in Warnwesten und schnappt eure Besen!“, hieß es in einem Aufruf im Januar 2015. Tausende gingen auf die Straße, um den „Patrioten“ in Anbetracht von immer mehr Deutschlandfahnen und hasserfülltem verbalem Müll in der sächsischen Landeshauptstadt hinterherzufegen.

In einem Aufsatz für das Buch „Unter Sachsen“ hatte Tomaszewski 2017 gewarnt: Weil Abwehr gegen Fremde immer mehr Teil des Alltags werde, katapultiere sich Sachsen „nicht nur in die politische Steinzeit, sondern leitet eine katastrophale Zukunftsperspektive ein: Kein gut ausgebildeter Migrant, kein ausländischer Forscher oder Student wird hier längerfristig eine Zukunft suchen wollen“.

„Das Wort Heimat darf uns nicht entgleiten“

Selbsternannte „Asylkritiker“ würden von Nichtdeutschen „die bedingungslose Anpassung an Werte, Traditionen, am liebsten gleich Religion“ fordern. Tomaszewski setzte dagegen: „Das Wort Heimat darf uns nicht entgleiten. […] Im Zeitalter der Globalisierung und geografischer Mobilität muss endlich auch in Sachsen die gefährliche Illusion einer homogenen Leitgesellschaft einem Begriff von Heimat weichen, der nicht an nationale oder regionale Herkunft gebunden ist, sondern sich durch gelebte Solidarität realisiert.“

Wenn die widerständige Geschichte der Banda Comunale trotzdem wie eine Erfolgsgeschichte wirkt, dann wegen der vielen engagierten Auftritte in all den Jahren: Mit „Laut gegen Nazis“ in Freital, einer Hochburg von Anti-Asyl-Protesten, gemeinsam mit der Punkband Feine Sahne Fischfilet im mecklenburgischen Boizenburg, bei #ausgehetzt in München, bei den Feierlichkeiten zu 30 Jahren Friedliche Revolution vor dem Brandenburger Tor. Zeitungen in der ganzen Republik wurden darauf aufmerksam, dass die extreme Rechte in der Pegida-Hochburg Dresden, in Sachsen und darüber hinaus von der Band regelmäßig Gegenwehr erfährt. Die Schlagzeilen: „Klangvoll für mehr Demokratie“, „Heimatkapelle mit internationaler Volksmusik“, „Töne für Toleranz“, „Dresdens Muntermacher“, „Geräuschvoll gegen den sächsischen Hass“.

„Wer hier Gesicht zeigt, braucht Mut“, hieß es im „Spiegel“ nach einem Konzert in Bautzen. „Ein tolles Experiment mit ordentlich Wumms“, hieß es in der „taz“ über „die internationale Bande“, nach deren Entscheidung, mit geflüchteten Musikern zusammenzuspielen. Die „Deutsche Welle“ hörte 2025 in einem TV-Beitrag aus den Klängen der multikulturellen Band den „wahrscheinlich lautesten Widerstand gegen Rechte und Rechtsradikale in Ostdeutschland“ heraus. Im Mai 2025 trat die antifaschistische Band bei den Deutschen Antidiskriminierungstagen im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auf. Und Michal Tomaszewski wurde in seinem Grußwort einmal mehr unbequem: „Wir können es nicht zulassen, dass in Deutschland 80 Jahre nach dem Holocaust die Grenzen geschlossen werden und das Recht auf Asyl, das jeder Mensch hat, infrage gestellt wird.“

„Es ist Sisyphos“, sagt Bandgründer Tomaszewski

Nach einem Vierteljahrhundert im Widerstand zieht Gründungsmitglied Tomaszewski im Gespräch für das jüngst erschienene Buch „Mut zum Unmut. Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ eine ernüchternde, gemischte Bilanz: „Es ist Sisyphos.“ Und das liege daran, dass die gesellschaftliche Stimmung umgeschlagen sei und damit auch die Arbeit der Mutigen immer schwerer werde.

Sachsen gehört zu den Bundesländern, in denen die AfD die stärkste Partei ist. Und das wirkt sich aus. Obwohl die rechtsextreme Partei bisher nicht an der Landesregierung beteiligt ist, kommt man ihr entgegen. In vielen sächsischen Kommunen stimmten Politiker:innen der demokratischen Parteien, schon lange bevor Friedrich Merz im Januar 2025 bei einer gemeinsamen Abstimmung mit den Rechten auf Bundesebene die Brandmauer einriss, mit der AfD ab. „Die Erinnerungskultur ist in Deutschland einfach nur Fake gewesen“, bringt es Tomaszewski auf den Punkt.

CDU-SPD-Koalition kürzt Integrationsprogramme

Konkret haben die seit 2024 in Sachsen in einer Minderheitskoalition regierenden Parteien CDU und SPD eine deutliche Kürzung der Integrationsprogramme beschlossen. Und damit geht es auch mit einem erfolgreichen Workshop-Projekt zu Ende, mit dem die Banda Comunale durch Schulen tourte.

Es ist eine Watsche für die engagierte Zivilgesellschaft, eine weitere nach sehr vielen in den vergangenen Jahren. Obwohl Widerspenstige gerade jetzt Aufmunterung und Unterstützung bräuchten. Tomaszewski sagt: „Ja, noch immer gibt es auch in Sachsen diese netten, aufrechten Menschen. Den CDU-Stadtrat, der ,Radeberg ist bunt‘ organisiert. Oder die CDU-Stadträtin, die in Bautzen – einfach ein rechtes Pflaster – mitmischt beim ,Happy Monday‘.“ Aber es seien wenige, viel zu wenige, die sich an Aktionen gegen Demokratieverdrossenheit und die Spaltung der Gesellschaft beteiligen. Die Lage sei vor allem im ländlichen Raum „echt am Kippen“.

30 bis 40 Schulworkshops pro Jahr

30 bis 40 kostenlose Schulworkshops der Banda Comunale gab es pro Jahr, von Plauen bis Görlitz. Niedrigschwellig wurden dabei über Musik Themen wie Identität, Zuwanderung und Flucht angesprochen. 2025 war das Geld schon im Januar weg.

„Die beiden Regierungsparteien haben ernsthaft beschlossen, integrative Fördergelder zu streichen. Die SPD ist eingeknickt.“ Tomaszewski ist der Auffassung, die Streichungen seien für Projekte vernichtend: „Es gibt nur noch einen kümmerlichen Rest. Der wird vor allem für Beratungen rückreisewilliger Migrant:innen verwendet.“
Das Muster erinnert an die 1990er-Jahre, als eine massive Neonaziwelle durch Nachwende-Deutschland ging, tödliche Anschläge in Mölln und Solingen, Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen inklusive. Die meist jungen Rechtsextremen wünschten sich – beklatscht von vermeintlichen Normalbürger:innen – „ausländerfreie Zonen“. Und der Staat half ihnen teilweise dabei, ihrem Ziel näher zukommen: Nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im mecklenburgischen Rostock-Lichtenhagen setzten die Behörden keineswegs alles daran, die Täter:innen zu finden – sondern ließen die bedrohten Migrant:innen per Bus aus der Stadt schaffen. 1993 einigten sich Union, SPD und FDP dann auf eine beispiellose Einschränkung des deutschen Asylrechts, heute als „Asylkompromiss“ bekannt.

So wollte die Politik die aufgeheizte Stimmung im Land beruhigen. Nachhaltig war das nicht: Die jungen Schreihälse von damals, die Gewalttäter, die Steinewerfer – sie sind heute Männer und Frauen mittleren Alters und vermutlich Anhänger:innen der AfD. In den folgenden Jahren kam es zu einer ganzen Serie von immer neuen Einschränkungen des Rechts auf Schutz und Asyl, wurden Seenotretter vor Gericht gezogen und Hilfe für Flüchtlinge kriminalisiert. Zugleich wurde die AfD, für die Fremdenhass und Rassismus Kern ihres politischen Angebots sind, stärker und stärker. 

Ob 1990er-Jahre oder heute – geht es um den Kampf gegen Rechts, da tut sich der Staat schwer, das Problem an der Wurzel zu packen. Vielmehr werden die Betroffenen von Rassismus und Gewalt unter Druck gesetzt, abgeschoben, ausgegrenzt. Wer das anspricht, gilt aber schnell als Nestbeschmutzer, der sich einer „geordneten Migrationspolitik“ verweigere. Es ist wie bei den Klimaprotesten: Nicht das eigentliche Problem – wahlweise die Klimakrise oder der Rechtsextremismus  – wird als Gefahr gesehen, sondern die Überbringer:innen der schlechten Botschaft. Beispielsweise der Musiker Michal Tomaszewski. Anstatt sie anzuhören und ihren Kampf für eine gerechte Zukunft zu unterstützen, kürzt der Staat ihnen  die Gelder. Ausgerechnet denjenigen, die so viel Vertrauen in die Demokratie und unseren Rechtsstaat setzen.

Renitenz: Weitermachen, auch wenn’s schwierig wird

Sollten die Verantwortlichen in den Behörden, an den Gerichten oder in der Politik aber glauben, das würde die Renitenten von ihrem Protest abhalten, dürften sie sich getäuscht sehen. Denn genau darin besteht die Renitenz: dass man weitermacht, auch wenn’s schwierig ist und Gegenwind eine:n erst so richtig anstachelt, noch mehr Widerstand zu leisten.

Und das wird auch nötig sein. Anfang 2024 deckte eine Recherche des Mediums „Correctiv“ ein geheimes Treffen auf, bei dem AfD-Leute mit anderen Rechtsextremen über Pläne zur „Remigration“ diskutierten. Als Reaktion darauf gingen anschließend Millionen von Menschen auf die Straße, um gegen die AfD und ihren Rassismus zu demonstrieren. Auf den Staat, das hat die Antifaschistin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano konstatiert, kann man sich beim Kampf gegen Rechts eher nicht verlassen. Auf die vielen aufrechten Bürger:innen, die es in Deutschland gibt, allerdings schon.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Mut zum Unmut. Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ von Matthias Meisner und Paul Starzmann. Es plädiert dafür, aktiv zu werden, die Gleichgültigkeit abzulegen, „Nein!“ zu sagen, anzuecken – im Job, auf der Straße und in der Politik. Das Buch ist im September 2025 im Verlag Dietz Bonn erschienen.